
Sie sprechen von „Insta“, bieten direkt das „Du“ an und antworten auf Fragen außerhalb ihrer Komfortzone: Spitzenpolitiker der vier großen Parteien im Kreis Kassel stellen sich vor der Kommunalwahl einem ungewohnten Publikum. An der Christine-Brückner-Schule in Bad Emstal beantworten sie Fragen aus dem zehnten Jahrgang. Das Wichtigste von einem etwas anderen Wahlkampftermin.
◾ Die Regeln
Während einige Schüler noch flüsternd abstecken, welcher Name zu welchem Kandidaten gehört, beginnt Lehrer Heinz Helge Fach mit der Kurzvorstellung. Gleich für jeweils15 Minuten in der Mitte des Raumes Platz nehmen werden Edmund Borschel (Grüne), Silke Engler (SPD), Michael Aufenanger(CDU) und Alexander Stock (AfD). Borschel ist als einziger nicht Spitzenkandidat seiner Partei, der Sprecher für Schule und Bildung kandidiert nicht erneut. Vier Schülergruppen haben sich auf ihren jeweiligen Kandidaten vorbereitet, es gibt ein Redezeitlimit von zwei Minuten und einen Live-Faktencheck. Anschließend stellen sich die Kandidaten noch Fragen der Lehrer und einer offenen Diskussion.
◾ Die Themen
Der Austausch dreht sich viel um den Schulalltag: von der Ausstattung über Mobbing und Digitalisierung bis zum Fehlerquotienten. Kommunalpolitiker haben in diesen Fragen wenig Mitspracherecht – aber alle eine Meinung. Viele Fragen leiten sich zudem aus den überregionalen Programmen der Parteien ab. Schulleiterin Birte Behr erklärt das so: Zum Beginn der Vorbereitungen vor sechs Wochen hatte im Kreis außer der CDU keiner geliefert. Und von Spitzenkandidaten kann schon erwartet werden, dass sie wissen, was ihre Partei umtreibt. Oder?
◾ Die Auffälligkeiten
Zunächst: Kein Kandidat drückt sich vor einer Diskussion, auch wenn die Antworten manchmal präziser ausfallen könnten. Das Phrasenschweinbleibt ebenfalls weitestgehend hungrig. Der Faktencheck schlägt viermal Alarm –den Hattrick verpasst AfD-Mann Stock nur, weil Michael Aufenanger bei einer Frage nach dem Verlassen des Schulgeländes in Freistunden offen zugibt, nur eine Vermutung anstellen zu können. Schulleiterin Behr schiebt die Fakten nach. Stock muss sich dagegen mehrfach wegen falscher Wiedergabe der Pisa-Studienanzählen lassen. Zudem versteigt er sich bei der Frage von Lehrer Alexander Frey nach der AfD-Kritik an Gedenkstättenarbeit (“Schuldkult“) zu der Aussage: „Das hört sich absolut unappetitlich an“, sei aber wohl aus dem Zusammenhanggerissen. Die Argumentation findet sich seit mehr als zehn Jahren bei der Partei.
◾ Die Einzelkritik
Silke Engler: Die Schuldezernentin und Vizelandrätin punktet mit Fachwissen – etwa bei den Investitionen in Schulsanierungen – und findet schnell einen Zugang. Den Fehlerquotienten lässt sie sich erklären (“Ich komme aus der DDR, bei uns ging es auch ohne“). Als es um KI geht, räumt sie ein, sie beim Redenschreiben zu nutzen, sagt aber auch: „Ich bin so alt, ich google noch.“ Das kommt an. Bei einer Stichprobe unserer Zeitung unter den Schülern wird der Auftritt der SPD-Politikerin am besten bewertet.
Edmund Borschel: Entspannt und auf Augenhöhe: Für den Grünen ist das Aufeinandertreffen so verfänglich wie ein Plausch. Der pensionierte Lehrer fühlt sich sichtlich wohl, fragt die Schüler nach seinen Antworten: „Zufrieden?“ Stellenstreichungen hält er für fatal, Barrierefreiheit für ein Muss. Platz zwei bei der Schülerschaft.
Michael Aufenanger: Der CDU-Spitzenkandidat braucht einen Moment, um warm zu werden, ist dann aber da. „Ich könnte selbst manchmal ein Handyverbot gebrauchen“, sagt er, kann sich aber mehr Eigenverantwortung für ältere Schüler vorstellen, wenn Verstöße sanktioniert werden. „In der Praxis ist das aber sicher schwierig.“ Beim Lehrermangel betont er, dass es in Hessen noch nie mehr gab–räumt aber ein, dass die Herausforderungen gestiegen sind. Von den Schülern gibt es für Aufenanger die Note 3.
Alexander Stock: Der Kommunalpolitik-Neuling wird am härtesten angegangen, hat aber auch die meisten Probleme, das überregionale Programmseiner Partei zu verteidigen – sofern er es kennt. Der Islam an Schulen? Die Religion sei in Ordnung, Sorge bereite ihm die Gefahr einer Radikalisierung. Warum wird sexuelle Vielfalt abgelehnt? „Wir akzeptieren die Realität“, sagt Stock – und setzt Veränderungen im Hormonhaushalt mit dem Abschneiden eines Arms gleich. „Daran würdet ihr einen Freund doch auch hindern.“ Davon weicht ertrotz mehrerer Nachfragen in der Diskussionsrunde nicht ab. Und barrierefreie Schulen? „Nicht um jeden Preis. “Wer für einen zahlt, müsse anderen etwas wegnehmen. Was heißt es nach dieser Logik, wenn die Schüler ihre Zustimmung schon auf andere Kandidaten verteilt haben? Genau.
CLEMENS HERWIG (HNA vom 7.3.2026)
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